Die erste große Panne, einsames Weihnachten und eine Odysee auf der Suche nach einem Ersatzteil

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Ja dumm gelaufen. Nach einem strammen ersten Tag hat sich meine Hinterradnabe auf der Abfahrt zum Lago de Atitlan verabschiedet und meine Pläne Weihnachten mit Sylvie und Hanno in El Salvador zu feiern sind geplatzt.
Nach ewigem Packen war mein ganzer Krempel wieder in allen Taschen verstaut. Schon erstaunlich, was so alles in die Radtaschen passt.
Nach so langer Pause fehlt mir die Routine entsprechend spät bin ich gestartet und erstmal ging es eine ganze Weile nur bergauf. Raus aus der Stadt, den Verkehr und die schlechte Luft hinter mir gelassen. Am Straßenrand der CA 1 winkten viele Kinder, einige fragten nach Geld oder Süßigkeiten. Pure Freundlichkeit, Zeitvertreib oder bittere Armmut und Verzweiflung?
Leider liegt oft auch sehr viel Müll am Straßenrand oder wird den Abhang hinuntergeworfen, die Landschaft wäre sonst zu perfekt.
Xela liegt auf ca. 2200 m und um den höchsten Punkt – besagtes Alaska – von dem es dann tendenziell bergab zum Lago geht, zu erreichen muss man sich auf etwas über 3000 m hocharbeiten. Das war zwar anstrengend aber alles nicht so tragisch. Runter zum Lago hatte ich mit deftigen Gegenanstiegen, vielen Schlaglöchern, Stücken ohne Asphalt, Serpentinen und sausteiler Straße zu kämpfen, so dass ich nicht besonders schnell runterfahren konnte.
Mein Hinterrad, was vom vielen Bremsen sehr heiß wurde, fing irgendwann an an der Felge zu schleifen und ich hatte einen Riesen Achter. Die Speichen waren alle in Ordnung, ich musste mehrmals anhalten und habe es wieder einigermaßen mittig zentriert damit ich weiter fahren konnte. San Pedro war dann zu weit und so schaute ich mich nach einem Übernachtungsplatz um. Es dämmerte schon und man sollte aus Sicherheitsgründen nicht im Dunkeln unterwegs sein.
Und einen versteckten Zeltplatz an einer steilen Vulkanlandschaft zu finden, war auch unmöglich. Etwas gestresst und ziemlich ausgelaugt erreichte ich dann Santa Clara, wo mir Leute sagten es gäbe ein Hotel. Ich fragte dann nochmal im Ort und eine freundliche junge Frau namens Clara begleitete mich zum Ortskern.

Wir unterhielten uns und Clara bot mir auf dem Weg an, bei ihrer Familie zu übernachten. Ich musste nicht lange überlegen und wir gingen zu ihrem Haus, wo ich von einer sehr freundlichen Familie, Hunden, Hühnern, Truthähnen empfangen wurde. Erstaunlich war mit welcher Selbstverständlichkeit ich begrüßt und empfangen wurde und solche Momente sind immer wieder verzaubernd und für mich das Salz in der Suppe. Mir ist klar, dass man solche Momente als „normaler“ Tourist, der von Punkt A nach B reist selten erlebt und es bestätigt mich, dass ein Reise mit dem Rad eines der besten Dinge und etwas ganz besonderes ist.
Durch das Rad, die Wege durch die Landschaft und die kleinen Dörfern öffnen und sich Türen, die einem sonst meist verschlossen sind. In Deutschland wird man wahrscheinlich als Fremder von vielen Familien kritisch beäugt. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich eine so unvoreingenommene Gastfreundschaft nicht kenne. Ich bin froh sie kennenzulernen zu dürfen und wünsche mir dass in Deutschland Fremden gegenüber mehr Toleranz gezeigt wird und jeder seine Tür ein wenig offen lässt.

Natürlich kann man Angst haben und Guatemala gilt als eines der „gefährlichsten“ Länder Zentralamerikas. Aber wenn man der Angst zuviel Raum lässt, kann man seine Reise nicht genießen, verpasst die vielen schönen Begegnungen und hat automatisch einen Opferstempel auf der Stirn. Mit etwas gesundem Menschenverstand, der Sprache und Informationen von den Einheimischen kommt man gut zurecht und kann auch recht sicher sein.
Claras Familie spricht hauptsächlich Tzutuhil, eine der vielen Maya Sprachen, aber alle sprechen auch Spanisch. Wir hatten einen wunderbaren Abend und ich schlief nach leckerem Essen und Dusche wie ein Stein. Am nächsten Morgen entdeckte ich dann, dass meine Nabe einen Riss hatte. (Shimano Deore XT – was geht denn ab?)
Nach einem guten Frühstück und dem Abschied von meinen freundlichen Gastgebern machte ich mich auf den Weg in Richtung San Pedro de la Laguna in der Hoffnung, dass meine Nabe noch die letzten 20 km hält. Atemberaubende Ausblicke ließen mich, neben heißen Felgen und Bremsbelägen, immer wieder anhalten. Manche sagen ja, dass der Lago de Atitlan der schönste See der Welt sei.
Ich bin heil angekommen, mein Wunsch zu Weihachten in El Salvador zu sein ist geplatzt.

Suche nach einem Ersatzteil

Der örtliche Fahrradladen in San Pedro sagte mir, dass ich ein Ersatzteil nur in Xela oder in Guatemala Stadt bekomme. So bin ich also mit dem Chickenbus am nächsten Morgen um 8:30 zurück nach Xela gefahren. Der Bus war so voll gepackt und es stiegen immer mehr Leute ein. Es gibt hier anscheinend kein Limit an Fahrgästen. Die Sitzbänke sind eigentlich nur für zwei Personen gedacht, teilweise saßen die Leute mit Kindern zu fünft auf einer Bank. Ich kann eigentlich einigermaßen bequem nur alleine auf einer Bank sitzen, da meine Beine an der vorderen Sitzbank anstießen. Mit völlig verdrehten Beinen saßen wir bei uns dann auch zu dritt auf der Bank. Busfahren ist die Hölle auf Erden.
Nach drei langen Stunden, etlichen Serpentinen bergauf war ich dann wieder in Xela und begab mich auf die Suche nach einer Nabe.

Was man bei uns bei jedem besseren Radhändler bekommt kostete mich ca. 5 Stunden. Ich habe alle nennenswerten Radläden in Xela abgeklappert und bekam dann ein Modell in Einsteigerqualität. Gut, besser als nichts. Um 16:30 machte ich mich auf den Rückweg nach San Pedro. Der Bus war wieder genauso voll und gegen 19:30 – 20 Uhr erreichten wir dann wieder San Pedro.
Ich hoffe, dass das meine letzte Fahrt im Chickenbus war.

6 thoughts on “Die erste große Panne, einsames Weihnachten und eine Odysee auf der Suche nach einem Ersatzteil

  1. Was für eine schöne Weihnachtsgeschichte!
    Ich liebe das, wenn du solche Dinge erzählst.
    Ach Jens, ich wäre auch gerne bei dir gewesen, zumindest in deinenFerienChicken-bus-Fahrten kenne ich ja ähnlich aus Indien. Aber Beine verrenken musste ich da nie.
    Für mich hat das neue Jahr mit großen Änderungen begonnen. Ich wünsche Dir von Herzen, dass jetzt alles Radmaterial hält! Und du noch viele gute Begegnungen hast. Weiterhin: Take Care

  2. Alles Gute für das Neue Jahr mit den besten Grüssen Wilma

  3. Ein schönes neues Jahr wünschen wir Dir!! :-) Wo bist Du denn gerade??? Drücken die Daumen, dass alles gut läuftbist ja jetzt schon ne Weile wegHalt uns alle auf dem Laufenden!! dicken Knutsch für die Zukunft!
    Jule und Peter und Familie

  4. Уважаемые Jens,
    ich weiß, dass meine Beine kürzer sind als deine, aberChickenbus fahrenhaben wir monateland gemacht und ja, es war nicht immer toll. Aber, auch dort erlebt man den puren Alltagswahnsinn den du sonst nirgends mitkriegst. Также: Rein ins Vergnügen, es lohnt sich ;-)

    Um den Atitlansee beneide ich dich. Ich finde es dort auch wunderschön. Mit San Pedro verbinde ich eine Woche Todesangst um Katrin (Hurrikan) und die Freude, dass sie nicht betroffen war.

    Hachjetzt mit dir dort ne Tortilla verspeisen wäre nett.

    LG Klaudia

  5. Hallo Cousin,

    schön von dir zu hören und zu lesen! Es klingt fremd, aber gut, was du da so alles erlebst- Chickenbus ;) und so viel Gastfreundschaft! Komm gut in das neue Jahr!

    Liebe Grüße
    die Cousine

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